Das ist unser MSV

Es war der Moment, als alle verstanden, worum es hier ging. Als jeder wusste, warum er hier war und was er gerade tat. Es ging um Stolz, Optimismus, Identifikation, Treue, Liebe und Leidenschaft. Kurz vorher war es vielleicht nur der Trotz und die Trauer, ein Trostgesang gegen das, was sich dort unten auf dem Rasen abspielte.

Damals an diesem 21. Mai, als die Abenddämmerung sich über das Berliner Olympiastadion senkte und die Mannschaft des MSV Duisburg 0:5 hinten lag, vollkommen chancenlos, ohne Aussicht auf das erhoffte Wunder. Überall waren sie, diese müden Gesichter, alle mit sich und ihrer Trauer alleine. Zerschossene Träume und Tristesse inklusive, immer wieder in diesem weiss-blauen Leben, immer wieder aufs Neue. Aber da war es dann wieder, dieses Gefühl, diese Liebe zu diesem Verein. Wie ein warmer Teppich schlich es durch die Sitzreihen, zog hoch unters Dach und bis in die äußerste Reihe, kroch in die müden Knochen und nistete sich dort wieder ein. Man entdeckte es auf den Treppen, als die ersten mit gespreizten Armen die Stufen erklommen, man hörte es, als im Block einer rief: „Lauter, alle jetzt, lauter!“. Diese wenigen Augenblicke, als die ersten wieder ihre Fahnen entrollten, sich nach und nach alle von ihren Sitzen erhoben, manch anderer sich an die Brüstungen lehnte und anfing zu singen.

Niemand kann genau sagen, was in jenen Momenten passierte. Günter Preuß saß zusammen mit anderen Legenden auf der Tribüne, als es langsam zu vibrieren anfing. Etwas weniger als fünfzig Jahre vorher hatte er den Meidericher SV als Kapitän zur Vizemeisterschaft geführt, 1966 trieb er die Herde mittlerweile im Namen des MSV Duisburg durch den Pokal. Als sie gegen die Bayern im Finale standen, musste Günter Preuß verletzt am Seitenrand stehen, nach der Partie zollte er seiner Mannschaft gemeinsam mit 60.000 Menschen minutenlangen Applaus. Sie hatten gegen die Bayern gekämpft und 2:4 verloren, aber sie hatten gekämpft, voller Leidenschaft. In Duisburg wurden sie anschließend von einer feiernden Masse am Bahnhof empfangen. Vielleicht war es diese Erinnerung, die ihn dazu anhielt, sich von seinem Sitz zu erheben, aber vielleicht war es auch nur dieses „Meidericher SV“, immer wieder und minutenlang, immer lauter werdend an jenem Abend, als Trauer und Trotz dem Stolz weichen mussten. Michael Bella saß nur ein paar Plätze weiter. 1966 hatte er unter dem stellvertretenden Kapitän Werner „Eia“ Krämer im Pokalfinale gestanden, im Pokalfinale 1975 war er gemeinsam mit Detlef Pirsig und Bernard Dietz für die Abwehr zuständig. Als der Regen den Rasen in braunen Morast verwandelte, hatten die Adler das Glück auf ihrer Seite und schossen das 1:0.

Es war ein paar Jahrzehnte später, als Michael Bella in der Ecke seiner Arbeitshalle eine kleine Werkbank aufstellte, damit „Eia“ Krämer dort seiner Arbeit als Dreher nachgehen konnte. „Ich hatte Eia viel zu verdanken“, wird er später dazu sagen. „Und wir wollten auf ihn aufpassen und ihm etwas zurückgeben“. Kein Mensch weiß, was Michael Bella am Abend des Pokalfinales 2011 gedacht haben mag, in all jenen Augenblicken, als er verfolgen konnte, wie vor seinen Augen diese Kurve erwachte, als er mit dem Ohr diesem Gesang lauschen und mit den Augen diesem wachsenden Fahnenmeer folgen konnte. Aber vielleicht dachte er an „Eia“ Krämer, sein Leben im Zebra dress, das er mit so viel Stolz und Leidenschaft getragen hat und sein erstes Finale, als er sich von seinem Sitz erhob, immer wieder dieses Lied, immer mehr und immer lauter.

Es war der Augenblick als ein Mann regungslos in den Block starrte und weinte. Er stand mitten in diesem Schreien, in diesem „Weiter, weiter!“ und diesem „Kommt, alle jetzt, kommt!“. Zwei Tage vorher hatte er zum Hörer gegriffen und gesagt: „Halte mich für verrückt, aber wir müssen die 1902 in die Choreo fürs Finale einbauen, egal wie...“, dann legte er auf. Nachdem er wusste, was er zu tun hatte, schloss er sich im Keller ein und schnitt endlos lange Stunden, ließ die Sonne auf- und untergehen, immer wieder dieses Bild im Kopf und getrieben von nur einem Gedanken. Und jetzt konnte er sich der Freudentränen nicht erwehren ,, in jenen zehn Minuten, als er sah, wie sich diese „1902“ nach und nach aus der Mitte eines blau-weißen Meeres zurück in den Berliner Nachthimmel schälte, als er nur dieses eine Lied hörte und auf dieses Fahnenmeer blickte. Es ist der Moment, wo alle in den nicht enden wollenden Gesang einstimmen, die Frau deren geliebter Mann diesen außergewöhnlichen Augenblick nicht mehr miterleben durfte, der Großvater und sein Enkelsohn im viel zu großen Zebratrikot, die beiden Kumpel, die nicht nur mit Ihrem geliebten Verein, alle Höhen und Tiefen durchlebt haben, jeder der den MSV in seinem Herzen trägt und diese Liebe voller Inbrunst in das Stadionrund schmettert. Es ist der Moment, als Michael Bella, Ennatz Dietz und Günter Preuß auf der Tribüne stehen und jeder versteht, was gemeint ist. Es ist kaum zu beschreiben, was dort passiert, als die Seele des Meidericher SV ins Vibrieren gerät, als das Herz einem leidenschaftlichen Rhythmus folgt, einer ganz einfachen Melodie: „Ole, olee...“


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